Frankfurter Büchsenschütze

Oktober 8th, 2015

Frankfurter Bürger unter Waffen:

Brandenburg 1Wie viele andere freie Städte im heiligen römischen Reich, versuchte auch Frankfurt überregional Einfluss zu gewinnen. Immer wieder wurde es dabei in Fehden und Auseinandersetzungen verwickelt. Alleine zwischen 1381 und 1425 war Frankfurt in nicht weniger als 229 Fehden verwickelt. Hierfür und für die Stadtverteidigung begann man bereits früh damit, ein beachtliches und modernes Waffenarsenal zusammen zu tragen. Vor allem Schußwaffen wie die Armbrust aber bemerkenswert früh auch Feuerwaffen, die im 13. Jahrhundert aufgekommen waren. Neben Kanonen wie einem großen Geschütz das bei der Belagerung der Burg Tannenberg 1399 eingesetzt wurde und in der Lage war Kugeln mit einem Durchmesser von 50 cm und einem Gewicht von 170 Kg zu verschießen, wurden vor allem Handbüchsen (wahlweise auch als Handrohr, Faustrohr oder Stangenbüchse bezeichnet) eingesetzt.

In dieser Darstellung versuchen wir einen Teilnehmer des Zuges zum Entsatz nach Neuss zum Leben zu erwecken. Die Stadt am Rhein wurde seit 1474 von Karl dem Kühnen, dem Herzog von Burgund belagert und Kaiser Freidrich III. rief Landesfürsten und Reichsstädte nach Köln um ein Entsatzheer zu bilden, das Neuss 1475 auch tatsächlich befreite. Frankfurt tat sich mit seinem Aufgebot von insgesamt über 500 Bürgern und Söldner mit seiner Ausrüstung hervor.

Die Kleidung:

Grundsätzlich waren die Teilnehmer der städtischen Aufgebote nicht im modernen Sinn uniformiert. Sie trugen im Grunde die gleiche Kleidung wie im Alltag also Hosen und Wämser wie man sie auf zahllosen Bildquellen finden kann. Allerdings findet man immer wieder Versuche die Aufgebote durch ihre Kleidiung kenntlich zu machen und so gibt folgende Anweisung für die Ausstattung der Fußknechte:
„[…] die kleydunge wirt syn gantz rot reisigen, richtern, portenern und fuszknechten, doch iglichem Duche nach synem Werde vnd uff dem lingten arme zwo sparren eyner brun, der ander wysz von ein ander gescheiden, damit das rode sich in der mitte selbs usszeuge.“
„[…] die Kleidung der Reisigen, Richter, Wächter und Fußknechte wird ganz rot sein, doch jedem ein Stoff gemäß seiner Würde und auf dem linken Arm zwei Winkel, der eine braun, der andere weiß [und diese] im Abstand von einander [angebracht] damit sich das rote in der Mitte zeigt.“ (Regest vom 13.4.1475)
Ebenso findet sich eine Ausgabe von 172 „Stück Tuch“ an das Aufgebot aus dem besagte Kleidung gemacht wird. Vermutlich bezieht sich das auf den Rock, also die Jacke die in süddeutschen Quellen auch als „Schecke“ auftaucht.
Zudem findet sich in den Ratsakten der Stadt in einem Dokument dass sich mit der Entsendung von Reisigen und Fußknechten nach “Nyderlandt”befasst, folgende Angabe:  „Jeder Knecht soll 1 fl. rh. „zu einem Rock““ erhalten, zudem werden zweifarbige Gugeln ausgegeben: “[…] und darzu ein Kogel geben von zwey Farben […]“. Bei dieser Kogel handelt es sich um eine überziehbare Kapuze die in der Literatur üblicherweise als Gugel auftaucht. Wir haben es hier als mit einem frühen Versuch zu tun, eine einheitliche Uniform zumindest innerhalb des Frankfurter Aufgebotes zu schaffen. Da die Teilnehmer, wie damals nicht unüblich den Stoff ausgehändigt bekamen und für die Herstellung des Rocks und der Kogel selbst verantwortlich waren, dürfte das Bild immer noch recht heteroen gewesen sein.

Frankfurter Büchsenschütze um 1475 mit Schutzwänden for eine Burgruine

Frankfurter Büchsenschütze um 1475 bei der Belagerung einer Burg

Die Hantbusse:

Die älteste erhaltene Waffe dieser Art ist bezeichnenderweise in den Ruinen ebendieser Burg Tannenberg gefunden worden die 1399 von den Frankfurtern sturmreif geschossen worde war und gibt einen guten Eindruck vom Aussehen einer solchen Waffe anfang des 15. Jahrhunderts.
Wegen des Einfalls der Hussiten im frühen 15. Jahrhundert intensivierte man in vielen Städte diese Rüstung und tauschte zunehmen die Armbrust gegen Handbüchsen aus. Obwohl in Frankfurt mehrere Hersteller von Kanonen und Handbüchsen dokumentiert sind, bestellte der Rat 1430 in Nürnberg 8 Handrohre und offenbar nach eindringlicher Prüfung 1431 noch 403 weitere „Hantbussen“. Offenbar versuchte der Rat der Stadt alle wehrfähigen Bürger die zu Fuß kämpften mit modernen Handbüchsen auszurüsten. Hierführ wurde sogar eine Bürgerzählung durchgeführt und die Anzahl der wehrfähigen Männer ermittelt die dann duch eine Sonderabgabe von 12 Schilling die neuen Büchsen finanzieren mussten.

Insgesamt wird die Anzahl solcher Handbüchsen in Frankfurt im 15. Jahrhundert auf 2000 Stück geschätzt und die 1431 gekauften Büchsen wurden vermutlich mindestens bis 1488 verwendet.

Leider ist die genaue Form dieser Handbüchsen nicht mehr zu ermitteln, eine Rekonstruktion von Rathgen aus den 1920er Jahrne erscheint uns recht frei interpretiert. Worin wir mit dem Autor aber übereinstimmen ist die konstruktive Verwandschaft mit der oben angeführten Tannenbergbüchse und dass das Material nach den erhaltenen Unterlagen des Rates zweifelsfrei eine Gelbgusslegierung. Unter den erhaltenen Büchsen dieser Zeit gibt es leider nicht viele Stücke die als Anhaltspunkt herangezogen werden können. Alle eisernen Büchsen scheiden ebenso aus wie die vielen Hakenbüchsen, die zwar grundsätzlich einem Handrohr ähnlich sind, aber in den Quellen anders benannt werden.
Glücklicherweise wurde 1871 in Schwarzort (pol. Juodkrantė) auf der kurischen Nehrung im heutigen Litauen eine solche Büchse aus Bronze gefunden, die in ihrem Gewicht dem in den Rechnungen angegebenen bemerkenswert gleicht und mit der Tannenberbüchse nah verwandt, aber moderner ist.

Diese Büchse die für uns die Frankfurter Bürgerbüchse ersetzt ist ohne Stange 445 mm lang, wiegt 2,58 Kg und hat ein Kaliber von 17 mm.
Uwe Jahn aus Radebeul, ein historischer Darsteller und Experte für historische Feuerwaffen fertigte uns einen Nachbau, der aus Gründen der Sicherheit aus gefräßter Bronze besteht aber optisch der Vorlage sehr ähnlich ist. Selbst die Gußlunker der gegossenen Vorlage wurden nachträglich eingefräßt und machen die Illusion perfekt. Die Büchse verfügt sowohl über einen scharfen als auch einen Böllerbeschuß.

Der Ladevorgang:

Die Frankfurter Bürgerbüchse war, wie nahezu alle frühen Handfeuerwaffen, ein Vorderlader. Kugel und Pulver werden also durch die Mündung eingebracht. Aus Zeugbüchern wie z.B. dem Kriegsbuch des Ludwig von Eyb zum Hartenstein kennen wir die Ausrüstung eines Büchsenschützen über die Waffe hinaus. So gab es kleine gedrechselte Holzdosen mit denen abgemessene Pulverladungen transportiert wurden, Kugelbeutel, Pulverhörner, Räumnadeln für das Zündloch und einiges mehr.
Den ganzen Ladevorgang wollen wir hier wiedergeben:

Aus einer kleinen gedrechselten Holzdose wird eine abgemessene Menge an Pulver, in diesem Fall etwa 12 g in den Lauf geschüttet.

Aus einer kleinen gedrechselten Holzdose wird eine abgemessene Menge an Pulver, in diesem Fall etwa 12 g in den Lauf geschüttet.

Nachdem ein Stück Stoff, das sogenannte Schußpflaster und die Kugel aus Blei eingebracht wurden, stopft der Schütze die ganze Ladung mit dem Ladestock fest. Luft in der Ladung würde die Wirkung deutlich abschwächen.

Nachdem ein Stück Stoff, das sogenannte Schußpflaster und die Kugel aus Blei eingebracht wurden, stopft der Schütze die ganze Ladung mit dem Ladestock fest. Luft in der Ladung würde die Wirkung deutlich abschwächen.

Aus einem kleinen Pulverhorn wird nun Zündkraut, fein gemahlenes Schießpulver auf die Pfanne gegeben. Der drehbare Deckel wird danach gechlossen und erst unmittelbar vor dem Schuß wieder geöffnet. Im Gegensatz zu den früheren offenen Zündpfannen ein großer Fortschritt, da die Waffe viel besser zu handhaben ist.

Aus einem kleinen Pulverhorn wird nun Zündkraut, fein gemahlenes Schießpulver auf die Pfanne gegeben. Der drehbare Deckel wird danach gechlossen und erst unmittelbar vor dem Schuß wieder geöffnet. Im Gegensatz zu den früheren offenen Zündpfannen ein großer Fortschritt, da die Waffe viel besser zu handhaben ist.

Die Waffe wird angelegt, in diesem Fall unter dem Arm. Es gibt auch Abbildungen auf denen auf der Schulter angelegt wird. Mittels eines Luntenstocks wird die glühende Lunte auf die Pfanne gelegt und die Ladung wird gezündet.

Die Waffe wird angelegt, in diesem Fall unter dem Arm. Es gibt auch Abbildungen auf denen auf der Schulter angelegt wird. Mittels eines Luntenstocks wird die glühende Lunte auf die Pfanne gelegt und die Ladung wird gezündet.

Der Schuß geht los und ein Feuerstrahl und eine Rauchwolke schießen aus der Mündung

Der Schuß erzeugt einen recht beeindruckenden Feuerstrahl und eine Rauchwolke. Der Rückstoß ist spürbar, aber vergleichsweise gering. Foto von Stefan Celba

Elsbet Orth: Die Fehden der Reichsstadt Frankfurt am Main im Spätmittelalter. Fehderecht und Fehdepraxis im 14. und 15. Jahrhundert. Franz Steiner, Stuttgart 1973 (Frankfurter Historische Abhandlungen 6), bes. S. 165.

Rathgen: Das Geschütz im Mittelalter (1928) S. 68 ff

Nusser, Alexandra: Der Neusser Krieg 1474/75 aus der Sicht des Frankfurter Rates und seiner Gedanken in: Archiv für Frankfurter Geschichte und Kunst Bd. 68 (2002) S. 11-34

Florian, Gebhard: Der Weit-berühmten freyen reichs-wahl-und handels-stadt Franckfurt am Mayn Chronica (1734)

Martin Romeiss: Die Wehrverfassung der Reichsstadt Frankfurt a. M. im Mittelalter. In: Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst. Fünfte Folge, Zweiter Band, Heft 41, Waldemar Kramer, Frankfurt am Main 1953

Universitätsbibliothek Erlangen, H62/MS.B. 26, Ludwig von Eyb zum Hartenstein: Kriegsbuch und Bellifortis und Feuerwerkbuch

Wolfegger Hausbuch, ohne Signatur, um 1475

Universitätsbilbiothek Frankfurt am Main, Ms. germ. qu. 12, Hans Dirmstein: Die sieben weisen Meister.

Weitere Informationen zu frühen Feuerwaffen finden Sie auf: Bummsbrigade Hamborch

Die gezeigte Stangenbüchse wurde von Uwe Jahn gefertigt und kann über www.mittelaltersuse.de bezogen werden.

Wenn nicht anders angegeben, sind alle Fotos auf dieser Seite von Andreas Vollborn-Rahn, einem befreundeten Darsteller vor der Kulisse der Ruine Brandenburg aufgenommen worden.

Heerzug aus dem sog. Wolfegger Hausbuch um 1474

Heerzug aus dem sog. Wolfegger Hausbuch um 1475. Vermutlich handelt es sich um das Nassauer Aufgebot nach Neuss.

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Das mobile Museum

Mai 21st, 2015

Marktstand

Der komplette Marktstand

Grundgedanke bei Geschichtsfenster war immer, Geschichte erfahrbar zu machen. Am einfachsten geht dies indem man Menschen Dinge in die Hand gibt. Leider sind Dinge aus dem Mittelalter gewöhnlich unbezahlbar. Daher arbeiten wir mit möglichst originalgetreuen Replikaten und bieten so ein mobiles Museum.
Mit unserem Marktstand sind wir diesem Ideal einen Schritt näher gekommen. Der vollständig ausgestattete Stand eines Buchhändlers wie er z.B. um 1475 auf der Messe in Frankfurt anzutreffen gewesen wäre, bietet auf den ersten Blick eine passende Kulisse für diverse Vorführungen und Erklärungen. Das Thema Buchwesen mit all seinen Facetten und den spannenden Entwicklungen des Spätmittelalters wie Buchdruck, Buchmalerei, Entwicklung der Grafik als eigenständige Kunstform usw. ist dabei immer ein Kernpunkt unserer Darstellung und eine Herzensangelegenheit.

Auf dem Rechenbrett können alle Grundrechenarten gerechnet werden.

Aber auch darüber hinaus gibt es Spannendes zu erfahren. Mathematik ist zum zweiten Standbein der Darstellung geworden und momentan bauen wir das Thema Messtechnik massiv aus. So wird demonstriert wie man mit Rechenbrett, Rechenseil, Jakobsstab und Quadrant alltägliche mathematische Probleme der Zeit löst und wie sehr damalige Mathematik uns heute noch beeinflusst. Unser System der Buchhaltung stammt z.B. direkt aus dem Spätmittelalter und viele Begriffe der vergangenen Zeit benutzen wir heute noch täglich, ohne uns deren Ursprungs bewusst zu sein.

Ein paar Beispiele für die Vielzahl an Gegenständen. Schreiblade, Stundenbuch, Lesestein, Flussmuschelschalen mit getrockneter Temperafarbe, Gänsekiele...

Ein paar Beispiele für die Vielzahl an Gegenständen. Schreiblade, Stundenbuch, Lesestein, Flussmuschelschalen mit getrockneter Temperafarbe, Gänsekiele...

Aber diese Vorführungen sind nur der erste Schritt. Hinter den Türen der Schränke und Kisten wartet noch eine Unmenge weiterer Informationen. Faksimiles kostbarer Bücher und einfacher Drucke, Holzschnitte und Kupferstiche bieten einen direkten Blick ins 15. Jahrhundert und der Besucher kann sich anhand der dort zu findenden Bildquellen selbst überzeugen, ob unsere Darstellung diesen entspricht.
Aber auch Alltagsgegenstände, von denen fast jeder eine eigene überraschende Geschichte hat, finden sich: Vom klappbaren Gewürzlöffel im Lederfutteral bis zur Reliquie eröffnet jeder ein ganz eigenes Thema und der große Vorteil des Standes ist, dass wir auf die Interessen jedes einzelnen Besuchers eingehen können.

Die Idee, ein Fenster in die Vergangenheit zu öffnen, lässt sich kaum besser umsetzen als mit so einem Stand, der für den Betrachter das Sichtfeld ganz einnimmt und alles Moderne für eine kurze Zeit verdeckt.

Vorlage für unseren Marktstand aus der Handschrift "Chronique Charlemagne" Signatur: Ms. 9066 Bibliotheque Royale Brüssel

Vorlage für unseren Marktstand aus der Handschrift "Chronique Charlemagne" Signatur: Ms. 9066 Bibliotheque Royale Brüssel

Alle Fotos im Artikel von Peter Samow

Mittelalter im Südwesten

April 22nd, 2014

Der SWR hat sich in diesem Jahr das Thema „Mittelalter“ auf die Fahnen geschrieben und bringt in den nächsten Wochen etliche Berichte zu diesem Thema.

Mittelalter im Südwesten nennt sich das Projekt, das aus mehreren Sendungen besteht.

Schon auf der Startseite fällt die Mitwirkung von Geschichtsfenster an diesem Thema ins Auge. Neben dem Gesicht von Andrej Pfeiffer-Perkuhn auf dem Banner der Seite findet sich noch eine Präsentation desselben, in der die Beweglichkeit einer Rüstung des 15. Jahrhunderts gezeigt wird.

Mit Geschichtsfenster haben wir natürlich gesteigertes Interesse an der medialen Präsentation von Geschichte und haben in den letzten Jahren auch mehrfach praktische Erfahrungen mit Filmprojekten gemacht.

Schaut man sich unter den üblichen Filmbeiträgen von Galileo bis zu vermeintlich ernsthaften Dokumentationen oder gar Spielfilmen um, dann findet man zumeist billig produzierte Filme, die ein primitives, dreckiges und schauderhaftes Mittelalter präsentieren.
Die Krönung des Ganzen sind Werke wie die Wanderhure oder zuletzt die Pilgerin, die inhaltlich so absurd sind, das es einem schwerfällt zu verstehen, wer so etwas produziert.

Ein wenig Klarheit bringt da das Interview http://www.badische-zeitung.de/nachrichten/kultur/fuer-den-zuschauer-muss-es-glaubhaft-sein–78054945.html mit Philip Stölzl, der unverholen dem Mittelalter abspricht, Quellen produziert zu haben. Sollte sich der Mann nicht als Regisseur des Filmes „Der Medicus“ mit der Zeit beschäftigt haben?

Die Anfragen, die uns erreichen spiegeln diese Vorstellungen oftmals wieder. Das Budget ist meist erschreckend gering und historische Fakten interessieren schlicht nicht. Die bisherigen Dreharbeiten waren demnach auch nicht wirklich erfreulich.

Im letzten Jahr haben wir glücklicherweise eine völlig andere Erfahrung gemacht. Offenbar wollte der SWR anders an die Sache herangehen.
Mike Gründwald, Bühnenbildner, Ausstatter und befreundeter historischer Darsteller, unter anderem Mitglied der Gruppe „1476 – Städtisches Aufgebot“ sprach uns wegen einer Produktion des SWR an und suchte einen Drehort für eine Marktszene.

Mit dem Lebendigen Museum in Lich konnten wir solch eine Szenerie durchaus anbieten und so kam es zu einer Zusammenarbeit, die letztlich fünf Drehtage umfasste und in mehreren Sendungen mündete. Vor allem der Szenekenntnis und den hervorragenden Kontakten von Mike Grünwald ist es zu verdanken, dass die gezeigte Ausstattung zum Besten gehört, was man im Bereich der historischen Darstellung finden kann. Aber auch Regisseur Peter Prestel und sein Team haben Erstaunliches geleistet. Wenn man die Drehorte und deren Schwächen kennt, überrascht es sehr, wie gut sich die Szenen in die Spielhandlung einfügen. Zudem hatte das Team immer ein offenes Ohr für Anregungen und respektierte das Wissen der Darsteller, die teils über beträchtliches Expertenwissen verfügen.

Doch zurück zu den Sendungen.

Zum Einen wurde eine sechsteilige Serie fürs Schulfernsehen produziert, die seit Kurzem öffentlich zugänglich ist.
In kurzen aber eindringlichen Happen werden verschiedene soziale Bereiche des späten Mittelalters beleuchtet. Ritter, Klerus, Bauern und als übergreifendes Thema Frauen. Neben Experten, die zu Rate gezogen wurden, werden auch immer wieder Spielszenen gezeigt, für die, wie schon gesagt, sehr gute historische Darsteller herangezogen wurden. Sicher gibt es hier und da Aussagen, die wir so nicht unterschreiben würden, insgesamt ist die Serie aber bisher einmalig in der deutschen Medienlandschaft. Sie hat schlicht Respekt vor einer Zeit und beurteilt sie nicht aus heutiger Sicht.

http://www.planet-schule.de/sf/php/02_sen01.php?reihe=1344

Das zweite Filmprojekt, das daraus entstand ist eine zweiteilige Sendung, die am Sonntag den 27.4.2012 um 20:15 und um 21:00 Uhr läuft. Im Gegensatz zum Sechsteiler kann über die Qualität nichts gesagt werden, aber wir hoffen angesichts der Dreharbeiten das Beste.

http://www.swr.de/geschichte/mittelalter-im-suedwesten-ritter/-/id=100754/did=13080474/nid=100754/10n773r/index.html

http://www.swr.de/geschichte/mittelalter-im-suedwesten-konstanz/-/id=100754/did=13080478/nid=100754/ztmu5y/index.html

Drei Tage Knappe

September 24th, 2012

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Einzug einer der beiden Parteien. Rechte bei Oliver Dunsch

Aus Anlaß des 500jährigen Jubiläums des Besuchs Kaiser Maximillians in St. Wendel hat sich die Stadt im Saarland entschlossen vom 31. 8. bis 2.9.2012 ein Turnier auszurichten. Allerdings wollte man kein Show-Turnier wie sie vielfach veranstaltet werden, sondern man wollte es so exakt wie möglich. Tatsächlich dürfte dies das erste Turnier seit vermutlich mehr als 400 Jahren sein, das mit der richtigen Ausrüstung, den historischen Regeln und massiven Lanzen aus Fichtenholz statt der üblichen Balsaholzlanzen ausgetragen wurde. Einige der weltweit besten Turnierreiter kamen zusammen und veranstalteten unter Leitung der fürstlichen Hofreitschule Bückeburg eine historische Darstellung bisher unerreichten Ausmaßes.

Über 12.000 Besucher sahen neben den beiden Turnierdisziplinen Tjost und Meleé auch Vorführungen von Kanonen und Handfeuerwaffen, der Jagd mit Falken und Windhunden, Fechtvorführungen, Fahnenschwingern und vielem mehr.

Während der Rüstshow wird Andreas Wenzel gerüstet

Während der Rüstshow wird Andreas Wenzel gerüstet, Rechte bei Sebastian Beielschmidt

 

Andrej Pfeiffer-Perkuhn von Geschichtsfenster wurde von Arne Koets von der Hofreitschule Bückeburg als Knappe engagiert und kümmerte sich persönlich um einen der Reiter, Andreas Wenzel, den einzigen deutschen Teilnehmer. Andreas Wenzel der in England lebt und Mitglied in der renommierten Turniergruppe Destrier ist, ritt im sogenannten Knappenturnier und gewann dieses mit der höchsten Punktzahl alle angetretenen Teilnehmer. Obwohl er im Tjost Pech hatte und nur eine Lanze brach, war er an allen Tagen im Meleé in der Siegermannschaft und erstritt am zweiten Wettkampftag die Damenwertung. Sieger im Ritterturnier wurde der Neuseeländer Joram van Essen, obwohl er sich am letzten Tag an der Hand verletzte. Arne Koets der zugunsten Joram van Essens auf seine Punkte aus der Damenwertung verzichtete, gewann auch durch diese sportliche Verhalten die Auszeichnung für den ritterlichsten Teilnehmer.

Aber auch das restliche Teilnehmerfeld war mit Reitern wie Dr. Tobias Capwell, Kurator an der Wallace Collection in London, Dominic Sewell oder Luke Binks hochkarätig besetzt

Auch das Umfeld war sehr schön gestaltet. Gruppen wie „Eiseinbeißer und Schwartenhals“ oder „Famaleonis“ aus Italien zeigten historische Darstellung auf höchstem Niveau. Durch den Fokus der Veranstaltung gab es natürlich besonders Waffen- und Rüsttechnik zu sehen, unter anderem die beiden voll ausgerüsteten Werkstätten der bekannten Plattner Dr. Peter Müller und Markus Siefert und des Waffenschmiedes Manfred Pany.

Die Königsdisziplin, das Gestech. Ziel ist es die Lanze am Gegner zu zerbrechen. Die aufgeschnallten Schilde, Tartschen genannt, dienen dabei als Ziel.
Die Königsdisziplin, das Gestech. Ziel ist es die Lanze am Gegner zu zerbrechen. Die aufgeschnallten Schilde, Tartschen genannt, dienen dabei als Ziel. Rechte bei Ralph Orlowski/Getty Images Europe

Neben der Tätigkeit als Knappe moderierte Geschichtsfenster in Zusammenarbeit mit Dr. Peter Müller das Anrüsten der Ritter vor Publikum. Dabei wurde jeweils ein Ritter im Turnier- und einer im Feldharnisch angekleidet und Aufbau und Nutzung einer Rüstung detailliert beschrieben. Dabei wurden falsche Annahmen über Gewicht und Beweglichkeit solcher Rüstungen effktiv und unterhaltsam entkräftet. Die schiere Anzahl der Zuschauer die bei jeder Vorführung über tausend gelegen haben dürfte, war dabei ein großartiges Erlebnis.

Die restliche Zeit war mit den vielfältigsten Arbeiten ausgefüllt. Als Knappe gehörte zu den Aufgaben unter anderem die Pflege der Ausrüstung, das rüsten des Ritters, das bereitstellen der Lanzen. Erfrischungen usw. am Kampfplatz sowie die Sorge um Zelt und persönliche Ausrüstung. Auf dem Turnierplatz selbst musst man stets aufpassen, das man die Wünsche der Ritter mitbekam deren Helme zum Teil nicht abnehmbar waren und deren Wahrnehmung Ihrer Umwelt sich auf wenige cm Sehschlitz beschränkte. Dazu musste man Lanzen anreichen, entgegennehmen, Splitter aufsammeln und dafür Sorge tragen das stets die richtigen Lanzen zum richtigen Ritter kamen, da diese teils angepasst wurden.

Nach Ende der Veranstaltung mussten die mehrere tausend Euro teuren Rüstungen gepflegt werden, wobei es als Vertrauensbeweis angesehen werden kann, dass Andreas Wenzel seine Rüstung ohne zu zögern in unsere Hände gab. Das Arbeitspensum lag an keinem der Tage unter 12 Stunden, trotzdem war die Atmosphäre und vor allem das großartige Team eine mehr als ausreichende Entschädigung.

Buhurt
Der Buhurt, der Nahkampf zu Pferde. Mit massiven Holzkeulen und stunpfen Schwertern kämpfen zwei Gruppen von Rittern gegeneinander. Ziel ist es den Gegner direkt hintereinander von unterschiedlichen Seiten zu treffen. Rechte bei Oliver Dunsch.

Man kann der Stadt St. Wendel, dem Stadtmuseum und der Hofreitschule Bückeburg nur zu dieser großartigen Veranstaltung gratulieren. Unser Dank gilt Herrn Arne Koets, der uns zu diesem Ereignis eingeladen hat und Herr Andreas Wenzel für die großartige Zusammenarbeit. Es bleibt zu hoffen, dass diese wunderbare Veranstaltung Schule macht und auch andere sich gegen halbgares Mittelalterspektakel und für eine hochwertige  Verbindung von Unterhaltung und Historie entscheiden.

Sehr erfreulich war das große Presseecho, das ich unter anderem in zwei guten Fernsehbeiträgen ausdrückte:

Spiegel-TV vom 23. 9.2912

Beitrag der Luxembrugischen Wort.lu

Und schließlich ein wundervoller Appetithappen von Kaos Historical Media, die hochinteressante Aufnahmen gemacht haben, indem sie Turnierplatz, Lanzen und Reiter mir kleinen Kameras gespickt haben:

 Außerdem gibt es mehrere gute Galerien:

Zimbio.com Ralph Orlowski/Getty Images Europe

Oliver Dunsch auf Facebook

Galerie auf Picasaweb

Thetten.de, ein Mitdarsteller in St. Wendel

Außerdem noch ein Interview mit Andreas Wenzel auf The Jousting Life

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Rechte bei Ralph Orlowski/Getty Images Europe

Interview zum 500jährigen Rathausjubiläum in Osnabrück

Juni 25th, 2012

Der Lokalsender OS  brachte in seiner Sendung „Osnabrücker Land und Leute“ ein Interview mit Andrej Pfeiffer-Perkuhn von Geschichtsfenster. Gesprächspartner war Marcel Trocoli Castro.
Mit viel Sachverstand gibt Herr Trocoli Castro uns dabei Gelegenheit zu Erklären, was genau unsere Arbeit ausmacht.

Von einem der auszog ein Ritter zu werden…

April 9th, 2011

An sich hatte sich Paul Kendall, ein Journalist vom Daily Telegraph vorgenommen nachzuempfinden wie ein spätmittelalterlicher Ritter in vollem Harnisch sich beim Lanzenreiten gefühlt haben mag. Solches Nacherleben ist oftmals ein Antrieb für historische Darstellungen und bringt ebenso häufig wertvolle Informationen über den Alltag vergangener Zeiten. Seine Erfahrungen hat er in einem Artikel niedergeschrieben.

Der Journalist Paul Kendall in seiner "Ritterrüstung"

Der Journalist Paul Kendall in seiner "Ritterrüstung" (1)

 

Darin zeigt sich aber eher an welchen Punkten so ein Vorhaben scheitern kann. Ich kann nicht abschätzen wie seine Recherche aussah, im Ergebnis ist er aber an einen „Fachmann“ geraten der ihn in eine selbstgebaute Rüstung gesteckt hat, die so schwer ist das der Journalist sich, nach eigener Aussage kaum bewegen kann und nicht in der Lage ist nach seinem Schwert zu greifen. Die Vorstellung ein Ritter sei zur fast vollständigen Bewegungsunfähigkeit verdammt findet sich zwar häufiger, resultiert aber eben aus solchen Berichten.

Schaut man sich die Rüstung auf den Bildern einmal genauer an, sieht man sofort dass diese sehr schlecht sitzt, die Schulter sind zu tief befestigt, stehen ab und sind generell für den Träger zu groß. Das ist ein wenig wie der Versuch ein Modell über den Laufsteg zu schicken dessen Schuhe vier Nummern zu groß sind.

Tatsächlich sind Rüstungen, zumal solche fürs Turnier, ausgeklügelte Geräte für einen exklusiven Sport in dem es vor allem um Repräsentation ging. Die Vorstellung ein Ritter sei bei einem Turnier oder auch bei einem Kriegszug vor seinesgleichen in einer verrosteten Rüstung aufgetaucht ist absurd.

 

Hätte der Journalist stattdessen einen wirklichen Experten gefunden wie Dr. Tobias Capwell von der Wallace Collection in London, der selbst bei nachgestellten historischen Turnieren reitet, oder auch Mike Loades, der als Experte für Schaukampf bei Filmproduktionen arbeitet, hätte sich ihm ein völlig anderes Bild von Rüstungen geboten. Dieser Film zeigt zum Beispiel wie es eigentlich um die Beweglichkeit solcher Rüstungen stand. Mit etwa 30 Kg Gesamtgewicht liegt die Ausrüstung eines solchen Ritters sogar deutlich unter dem was ein moderner Soldat ins Gefecht trägt, zu dem ist diese Ausrüstung noch gleichmäßig am Körper verteilt und nicht auf den Rücken geschnallt.

Andreas Wenzel, Mitglied der britischen Turniergruppe Destrier, besteigt ohne Mühe in seiner Rüstung ein Pferd. Bildrechte bei Bob Naegele http://rjndesign.zenfolio.com

Das Beispiel verdeutlicht eindrucksvoll, warum es für das Nacherleben von Geschichte unabdingbar ist mit hochwertiger Ausrüstung zu arbeiten, die so exakt wie nur irgendmöglich nach den Vorlagen gefertigt wurde. Sonst kommt es immer wieder zu dem Eindruck, dass was die Menschen damals getan haben, sei unsinnig oder gar dumm gewesen. Nimmt man jedoch brauchbare Materialien, erstaunt es einen immer wieder, wie durchdacht die Lösungen in Wirklichkeit waren. Rüstungen sind da nur ein Beispiel. Das Gleiche lässt sich für alle anderen Bereiche historischer Darstellung genauso sagen.
Für einen tieferen Einblick in das Thema empfehle ich einen Vortrag von Dirk Breiding am Metropolitan Museum in New York der sehr unterhaltsam die möglichen Fehler in der Vermittlung solcher Inhalte aufzeigt

[(1)Das Bild wurde diesem Artikel entnommen: http://www.telegraph.co.uk/active/8380592/How-I-battled-with-jousting-and-won.html zuletzt geprüft am 9.4.2011, alle Rechte beim Daily Telegraph

Willkommen bei Geschichtsfenster

April 8th, 2011

Nach eine längeren Startphase geht ist nun die Homepage und damit auch dieser Blog Online. Passend zum Thema von Geschichtsfenster, der Vermittlung von Geschichte, wird es hier immer wieder interessantes und kurioses geben. Es werden in loser Folge Sehenswürdigkeiten dem Spätmittelalter vorgestellt, ebenso aber auch Pressebereicht und ähnlich aus diesem Themenbereich vorgestellt. Über Vorschläge und Reaktionen freuen wir uns immer sehr.

Viel Spaß beim lesen,
Andrea Perkuhn und Andrej Pfeiffer-Perkuhn